Kriss van Dyster

Was die Māori verstanden haben

24. Januar 2026|Tattoo, Wissenschaft|

„Der Körper ist eine Leinwand.“

Nein, Karen, ist er nicht. Er ist deutlich mehr als das. Wer Tattoos wie Grafiken auf Papier behandelt, hat das Medium nicht verstanden. Die Māori wussten das lange, bevor „Custom Piece“ und „Bodyflow“ in den asozialen Medien zu leeren Schlagwörtern verkommen sind. Ihre Tätowierungen – Tā moko – sind historisch, ethnologisch und kunstwissenschaftlich eindeutig als körperintegrierte Kunst belegt. Sie sind kein Schmuck und auch keine Ansammlung von random Motiven.

Wenn der Körper keine Leinwand ist, was ist er dann? Der tätowierte Körper ist ein dreidimensionales, bewegliches Trägermedium, ein biomechanisches System und ein sich ständig veränderndes Material, beeinflusst durch Alterungsprozesse, Gewicht und Muskelarbeit. Einfacher gesagt: Der Körper ist Teil des Designs. Er ist nicht die Fläche, auf der etwas stattfindet, sondern ein aktiver Bestandteil der Gestaltung.

Die Māori haben Tattoos nicht auf den Körper gesetzt, sondern aus ihm heraus entwickelt. Linien folgen Muskelbäuchen, Kurven und greifen Volumen auf, während die Muster auf Bewegung reagieren. Das Tattoo lebt mit dem Körper – entweder arbeitet ein Tattoo mit der Anatomie oder gegen sie.

War das wirklich Absicht bei den Māori? Ja, und das ist sauber belegt. Die Forschung beschreibt Tā moko seit Jahrzehnten als „body-sculptural art“, als anatomisch responsiv und als tief in Körperform und Bewegung eingebettet. Die Māori hatten keine westliche Anatomielehre, aber sie hatten Augen. Sie sahen, was auf Dauer funktioniert und was nicht. Tattoos, die bei Muskelarbeit auseinanderbrechen, wurden nicht weitergegeben. Tattoos, die mit dem Körper arbeiten allerdings schon. Ich nenne das mal Tattoo-Evolution durch Praxis, nicht durch Pinterest.

Wenn eine Kultur ohne moderne medizinische Terminologie bereits verstanden hat, dass Muskelverläufe berücksichtigt werden sollten, dann ist eine wahllose Tattoo-Platzierung heute kein künstlerischer Ausdruck von Rebellion oder Freiheit, sondern fehlendes Handwerk. Natürlich kann man ein Motiv überall platzieren. Man kann auch den Large Hadron Collider als Dosenöffner benutzen. Ein Tattoo-Artist, der Muskelverläufe ignoriert, Bewegung nicht mitdenkt und Spannungszonen missachtet, arbeitet ohne Sinn für das Medium, mit dem er vorgibt zu arbeiten. Punkt.

Und ja, das gilt auch für moderne Tattoos. Realismus, Fineline, Blackwork, Neo-Traditional oder abstrakte Motive profitieren massiv davon, wenn Muskelverläufe in die Gestaltung mit einbezogen werden. Tattoos wirken dann „richtig“, ohne dass Laien erklären könnten, warum. Es ist wie bei guter Typografie: Man merkt sofort, wenn Proportion, Rhythmus und Abstand stimmen, auch wenn man die Regeln nicht benennen kann.

Dabei muss nicht jedes Tattoo perfekt entlang eines Muskels geführt werden. Aber man sollte wissen, wann man bewusst dagegen arbeitet und welche Konsequenzen das hat. Es geht nicht darum, Tattoos wie die Māori zu stechen, sondern darum, den Körper nicht wie eine flache Leinwand zu behandeln. Körperform, Muskelverläufe und Bewegung sind keine Nebensache sondern sind Teil des Designs – sie sind Teil des Tattoos. Wer das ignoriert, arbeitet gegen das Medium – und verliert langfristig gegen den eigenen Anspruch.

 


 

Quellenverzeichnis:

Buck, P. (Te Rangi Hiroa), (1949), The coming of the Māori. Wellington, New Zealand: Māori Purposes Fund Board.

Simmons, D. R. (1986). Ta moko: The art of Māori tattoo. Wellington, New Zealand: Reed Publishing.

Gell, A. (1993). Wrapping in images: Tattooing in Polynesia. Oxford, UK: Oxford University Press.

Gell, A. (1998). Art and agency: An anthropological theory. Oxford, UK: Oxford University Press.

Thomas, N., Cole, A., & Douglas, B. (Eds.). (2005). Tattoo: Bodies, art, and exchange in the Pacific and the West. Durham, NC: Duke University Press.

Turner, T. (1995). Social body and embodied subject: Bodiliness, subjectivity, and sociality among the Kayapo. Cultural Anthropology, 10(2), 143–170. https://doi.org/10.1525/can.1995.10.2.02a00010

Dunkle Kunst. Klare Realität.

17. Januar 2026|Kunst, Wissenschaft|

“Hast du einen tieferen Bezug zu deinen Zeichnungen und Motiven die du darstellst?”

Ja, aber anders, als ihr denkt.

Ich liebe Horror-Mythen über Vampire, Dämonen und Geister. Ich habe mit Agent Scully und Mulder mitgefiebert und ja, ich fände es ziemlich faszinierend, wenn all das existieren würde. Aber: Es gibt keine belastbare Evidenz. Keine reproduzierbaren Messungen. Keine überprüfbaren Daten. Nichts. Null. Rein gar nichts.

Meine Zeichnungen sind für mich Ästhetik und Symbolik, mit der ich spiele. Keine Weltanschauung und erst recht keine Ersatzrealität.

Ihr habt sicher schon Aussagen gehört wie: „Ich bin eine alte Seele” oder „Ich spreche mit Engeln.“

Was da stattfindet, ist kein höheres Bewusstsein. Es ist Selbstaufwertung durch metaphysische Behauptung.

In der Psychologie ist dieses Muster gut beschrieben. Der Begriff lautet Spiritual Narcissism – spiritueller Narzissmus. Die eigene Person wird durch angebliche metaphysische Besonderheit über andere gestellt (Lasch, 1979; Campbell & Foster, 2007; Malkin, 2015).

Also ein Ego, das sich eine Sonderstellung ausdenkt, weil es im echten Leben nichts vorzuweisen hat. Das sich mit metaphysischem Goldlack überzieht, um den Rost darunter zu verbergen.

Wer sein reales Leben als banal, überfordernd oder bedeutungslos erlebt, wertet sich durch eine „höhere Identität“ auf. Nicht weil es wahr ist, sondern weil es den Selbstwert stabilisiert.

Die Sozialpsychologie nennt das self-enhancement: Menschen konstruieren positive Sonderrollen, um sich überlegen zu fühlen (Sedikides & Gregg, 2008).

Der Effekt: Man fühlt sich im Gegensatz zu allen anderen besonders. Aus meiner Sicht besonders blöd.

Für einige fühlt sich das „echt“ an, denn unser Gehirn hasst Kontrollverlust und Unsicherheit.

Wenn Menschen Kontrollverlust erleben, steigt die Bereitschaft, übernatürliche Muster und Akteure wahrzunehmen (Whitson & Galinsky, 2008).

Hinzu kommt der Agent Detection Bias: Das Gehirn interpretiert zufällige Ereignisse lieber als absichtsvolle Akteure – eine evolutionäre Sicherheitsfunktion, die heute Geister, Engel und „Energien“ produziert (Barrett, 2000).

Und dann gibt es noch die Pattern Recognition: Wir sehen Bedeutung, wo statistisch nur Zufall ist (Shermer, 2011).

Subjektiv fühlt sich das tief an. Objektiv bleibt es eine Konstruktion. Wunsch ersetzt Wahrheit.

Problematisch wird es, wenn aus persönlicher Sinnsuche eine Hierarchie entsteht. Das ist dann nichts anderes als sozialer Statusaufbau – nur mit Räucherwerk statt einer Auto- und Raketenfabrik.

Die Soziologie nennt das symbolisches Kapital: Überlegenheit durch Zugehörigkeit zu einer angeblich höheren Kategorie (Bourdieu, 1986).

Nur dass hier keine Leistung dahintersteht, sondern nur leere Behauptung. Wie so ein spiritueller Adelstitel ohne Nachweis.

Und trotzdem – gerade deshalb – finde ich Figuren wie Vampire, Dämonen und Geister hoch spannend. Nicht als reale Wesen, sondern als kulturelle Konstruktionen. Kulturwissenschaftlich erzählen sie von Angst vor Tod und vom Wunsch nach Unsterblichkeit. Soziologisch spiegeln sie Macht, Schuld und soziale Abhängigkeit. Psychologisch verkörpern sie verdrängte Triebe, Verlust, Bindung und Sinnsuche. Biologisch lassen sich ihre Ursprünge auf Krankheit, Verwesung, Wahrnehmungsfehler und frühe Erklärungsversuche für das Unbekannte zurückführen.

Diese Geschichten um all die Wesenheiten sind nicht zufällig entstanden. Ihr Ursprung liegt allerdings im menschlichen Denken – nicht in einer anderen Dimension.

Darum nutze ich diese Wesen als Metapher, als Stilmittel und als Symbol innerer Zustände in meiner Kunst.

Denn wir leben längst in einer Realität, die keine übernatürlichen Wesen kennt und keine Seelen bei der Geburt verteilt (*hust* Steiner) – die aus wissenschaftlicher Sicht so unfassbar schön und spektakulärer ist als jede spirituelle Erkenntnis. Zumindest wenn man bereit ist, nach Informationen zu graben, diese verstehen will und bereit ist, festgefahrene Narrative über Board zu werfen.

In genau dieser Realität ist unser Gehirn entstanden. Ein Klumpen aus Neuronen und Gliazellen, der Kunst erschafft, Musik ausspuckt, und ganze Fantasy- und Science-Fiction-Universen aus dem Nichts formt. Das ist menschliche Kreativität auf Anschlag. Nicht real, sondern erfunden, ausgedacht und konstruiert.

Aus dieser Sicht heraus entsteht mein Bezug zu meiner Kunst und meinen Motiven. Ich gebe dem Unsichtbaren (was im Menschen arbeitet) eine Form – ohne zu behaupten, dass es außerhalb unserer Köpfe existiert.

Wichtige Klarstellung: Ich spreche hier nicht über Menschen, deren Wahrnehmung von sich selbst oder der Realität aufgrund einer klinisch psychischen Erkrankung verändert ist bzw. verändert wahrgenommen wird. Sie brauchen Unterstützung, Verständnis und professionelle Hilfe – nicht Herabsetzung. Ich beziehe mich ausschließlich auf die freiwillige Selbstinszenierung als metaphysisch überlegenes Wesen, bei der Spiritualität zur Bühne für Selbstaufwertung wird.

 


 

Quellenverzeichnis:

Lasch, C. (1979). The Culture of Narcissism: American Life in an Age of Diminishing Expectations. W. W. Norton & Company.

Campbell, W. K., & Foster, J. D. (2007). The Narcissistic Self: Background, an Extended Agency Model, and Ongoing Controversies. In: Sedikides, C. & Spencer, S. J. (Eds.), The Self. Psychology Press.

Malkin, C. (2015). Rethinking Narcissism: The Bad—and Surprisingly Good—About Feeling Special. HarperWave.

Whitson, J. A., & Galinsky, A. D. (2008). Lacking control increases illusory pattern perception. Science, 322(5898), Pages 115–117.
 https://doi.org/10.1126/science.1159845

Barrett, J. L. (2000). Exploring the natural foundations of religion. Trends in Cognitive Sciences, Vol. 4(1), Pages 29–34. https://doi.org/10.1016/S1364-6613(99)01419-9

Shermer, M. (2011). The Believing Brain. Times Books.

van Prooijen, J-W., Douglas, K. M., & De Inocencio, C. (2018). Connecting the dots: Illusory pattern perception predicts belief in conspiracies and the supernatural. European Journal of Social Psychology, Vol.48, Pages 320–335. https://doi.org/10.1002/ejsp.2331

Bourdieu, P. (1986). The Forms of Capital. In: Richardson, J. G. (Ed.), Handbook of Theory and Research for the Sociology of Education. Greenwood Press.

Pincus, A. L., & Lukowitsky, M. R. (2010). Pathological narcissism and narcissistic personality disorder. Annual Review of Clinical Psychology, Vol. 6, Pages 421–446. https://doi.org/10.1146/annurev.clinpsy.121208.131215

Digital Independence Day

28. Dezember 2025|Chaos Computer Club, Digitale Gesellschaft|

Der Chaos Computer Club ruft auf dem 39C3 gemeinsam mit Marc-Uwe Kling und anderen Organisationen zum Digital Independence Day (DID) auf. Lasst uns an jedem ersten Sonntag im Monat den Big Tech Unternehmen und deren asozialen Medien den Rücken kehren und stattdessen europäische oder dezentrale Alternativen nutzen – oder sie zumindest ausprobieren. Weitere Infos findet ihr hier: https://di.day/

Tattoos schützen vor Hautkrebs

13. Dezember 2025|Tattoo, Wissenschaft|

„Seht ihr? Tattoos schützen vor Hautkrebs!“

In den letzten Tagen kriechen vermehrt selbsternannte Tattoo-Heilpraktiker*innen in die ein oder andere Kommentarspalte und erklären anhand einer einzelnen Studie, Tattoos seien plötzlich ein Schutzschild gegen Melanome. Als Beleg dient der Fachartikel Tattooing and risk of melanoma: a population-based case-control study in Utah aus dem Journal of the National Cancer Institute. Was daraus gemacht wird, ist allerdings keine Wissenschaft, sondern Cherry Picking. Hier wird mit Odds Ratios herumgefuchtelt, ohne auch nur ansatzweise zu verstehen, was sie bedeuten. Das ist nicht nur dumm, das ist gefährlich – das vorsätzliche Zerlegen von Wissenschaft, bis sie ins eigene Narrativ passt.

Dass zwei Dinge gemeinsam auftreten, heißt nicht, dass eines das andere verursacht. Die Studie zeigt keinen kausalen Schutz durch Tattoos. Punkt. Sie beschreibt statistische Zusammenhänge – mehr nicht. Wer daraus eine Schutzwirkung ableitet, hat entweder keine Ahnung von Studiendesign oder verkauft absichtlich Unsinn.

Was die Studie tatsächlich aussagt:
Die beobachteten Effekte lassen sich sehr plausibel durch Verhalten erklären: Stark tätowierte Menschen achten häufiger auf ihre Haut, schützen Tattoos konsequenter vor Sonne, nutzen eher Sonnencreme und haben andere UV-Expositionsmuster. Mehr Tattoos bedeuten nicht mehr biologische Magie, sondern mehr Aufmerksamkeit für Haut, Sonne und Risiken.

Kurzfassung für alle, die nur Überschriften lesen:
Nicht die Tinte schützt dich. Sonnencreme schützt dich.

Und jetzt hört auf, Studien zu missbrauchen, geht zu eurem Tattoo Artist eures Vertrauens, lasst euch was Neues stechen und schmiert verdammt nochmal Sonnencreme drauf.

 


 

Quellen:
JNCI: Journal of the National Cancer Institute, Volume 117, Issue 12, December 2025, Pages 2495–2504,
https://doi.org/10.1093/jnci/djaf235