Kunst
Dunkle Kunst. Klare Realität.
“Hast du einen tieferen Bezug zu deinen Zeichnungen und Motiven die du darstellst?”
Ja, aber anders, als ihr denkt.
Ich liebe Horror-Mythen über Vampire, Dämonen und Geister. Ich habe mit Agent Scully und Mulder mitgefiebert und ja, ich fände es ziemlich faszinierend, wenn all das existieren würde. Aber: Es gibt keine belastbare Evidenz. Keine reproduzierbaren Messungen. Keine überprüfbaren Daten. Nichts. Null. Rein gar nichts.
Meine Zeichnungen sind für mich Ästhetik und Symbolik, mit der ich spiele. Keine Weltanschauung und erst recht keine Ersatzrealität.
Ihr habt sicher schon Aussagen gehört wie: „Ich bin eine alte Seele” oder „Ich spreche mit Engeln.“
Was da stattfindet, ist kein höheres Bewusstsein. Es ist Selbstaufwertung durch metaphysische Behauptung.
In der Psychologie ist dieses Muster gut beschrieben. Der Begriff lautet Spiritual Narcissism – spiritueller Narzissmus. Die eigene Person wird durch angebliche metaphysische Besonderheit über andere gestellt (Lasch, 1979; Campbell & Foster, 2007; Malkin, 2015).
Also ein Ego, das sich eine Sonderstellung ausdenkt, weil es im echten Leben nichts vorzuweisen hat. Das sich mit metaphysischem Goldlack überzieht, um den Rost darunter zu verbergen.
Wer sein reales Leben als banal, überfordernd oder bedeutungslos erlebt, wertet sich durch eine „höhere Identität“ auf. Nicht weil es wahr ist, sondern weil es den Selbstwert stabilisiert.
Die Sozialpsychologie nennt das self-enhancement: Menschen konstruieren positive Sonderrollen, um sich überlegen zu fühlen (Sedikides & Gregg, 2008).
Der Effekt: Man fühlt sich im Gegensatz zu allen anderen besonders. Aus meiner Sicht besonders blöd.
Für einige fühlt sich das „echt“ an, denn unser Gehirn hasst Kontrollverlust und Unsicherheit.
Wenn Menschen Kontrollverlust erleben, steigt die Bereitschaft, übernatürliche Muster und Akteure wahrzunehmen (Whitson & Galinsky, 2008).
Hinzu kommt der Agent Detection Bias: Das Gehirn interpretiert zufällige Ereignisse lieber als absichtsvolle Akteure – eine evolutionäre Sicherheitsfunktion, die heute Geister, Engel und „Energien“ produziert (Barrett, 2000).
Und dann gibt es noch die Pattern Recognition: Wir sehen Bedeutung, wo statistisch nur Zufall ist (Shermer, 2011).
Subjektiv fühlt sich das tief an. Objektiv bleibt es eine Konstruktion. Wunsch ersetzt Wahrheit.
Problematisch wird es, wenn aus persönlicher Sinnsuche eine Hierarchie entsteht. Das ist dann nichts anderes als sozialer Statusaufbau – nur mit Räucherwerk statt einer Auto- und Raketenfabrik.
Die Soziologie nennt das symbolisches Kapital: Überlegenheit durch Zugehörigkeit zu einer angeblich höheren Kategorie (Bourdieu, 1986).
Nur dass hier keine Leistung dahintersteht, sondern nur leere Behauptung. Wie so ein spiritueller Adelstitel ohne Nachweis.
Und trotzdem – gerade deshalb – finde ich Figuren wie Vampire, Dämonen und Geister hoch spannend. Nicht als reale Wesen, sondern als kulturelle Konstruktionen. Kulturwissenschaftlich erzählen sie von Angst vor Tod und vom Wunsch nach Unsterblichkeit. Soziologisch spiegeln sie Macht, Schuld und soziale Abhängigkeit. Psychologisch verkörpern sie verdrängte Triebe, Verlust, Bindung und Sinnsuche. Biologisch lassen sich ihre Ursprünge auf Krankheit, Verwesung, Wahrnehmungsfehler und frühe Erklärungsversuche für das Unbekannte zurückführen.
Diese Geschichten um all die Wesenheiten sind nicht zufällig entstanden. Ihr Ursprung liegt allerdings im menschlichen Denken – nicht in einer anderen Dimension.
Darum nutze ich diese Wesen als Metapher, als Stilmittel und als Symbol innerer Zustände in meiner Kunst.
Denn wir leben längst in einer Realität, die keine übernatürlichen Wesen kennt und keine Seelen bei der Geburt verteilt (*hust* Steiner) – die aus wissenschaftlicher Sicht so unfassbar schön und spektakulärer ist als jede spirituelle Erkenntnis. Zumindest wenn man bereit ist, nach Informationen zu graben, diese verstehen will und bereit ist, festgefahrene Narrative über Board zu werfen.
In genau dieser Realität ist unser Gehirn entstanden. Ein Klumpen aus Neuronen und Gliazellen, der Kunst erschafft, Musik ausspuckt, und ganze Fantasy- und Science-Fiction-Universen aus dem Nichts formt. Das ist menschliche Kreativität auf Anschlag. Nicht real, sondern erfunden, ausgedacht und konstruiert.
Aus dieser Sicht heraus entsteht mein Bezug zu meiner Kunst und meinen Motiven. Ich gebe dem Unsichtbaren (was im Menschen arbeitet) eine Form – ohne zu behaupten, dass es außerhalb unserer Köpfe existiert.
Wichtige Klarstellung: Ich spreche hier nicht über Menschen, deren Wahrnehmung von sich selbst oder der Realität aufgrund einer klinisch psychischen Erkrankung verändert ist bzw. verändert wahrgenommen wird. Sie brauchen Unterstützung, Verständnis und professionelle Hilfe – nicht Herabsetzung. Ich beziehe mich ausschließlich auf die freiwillige Selbstinszenierung als metaphysisch überlegenes Wesen, bei der Spiritualität zur Bühne für Selbstaufwertung wird.
Quellenverzeichnis:
Lasch, C. (1979). The Culture of Narcissism: American Life in an Age of Diminishing Expectations. W. W. Norton & Company.
Campbell, W. K., & Foster, J. D. (2007). The Narcissistic Self: Background, an Extended Agency Model, and Ongoing Controversies. In: Sedikides, C. & Spencer, S. J. (Eds.), The Self. Psychology Press.
Malkin, C. (2015). Rethinking Narcissism: The Bad—and Surprisingly Good—About Feeling Special. HarperWave.
Whitson, J. A., & Galinsky, A. D. (2008). Lacking control increases illusory pattern perception. Science, 322(5898), Pages 115–117. https://doi.org/10.1126/science.1159845
Barrett, J. L. (2000). Exploring the natural foundations of religion. Trends in Cognitive Sciences, Vol. 4(1), Pages 29–34. https://doi.org/10.1016/S1364-6613(99)01419-9
Shermer, M. (2011). The Believing Brain. Times Books.
van Prooijen, J-W., Douglas, K. M., & De Inocencio, C. (2018). Connecting the dots: Illusory pattern perception predicts belief in conspiracies and the supernatural. European Journal of Social Psychology, Vol.48, Pages 320–335. https://doi.org/10.1002/ejsp.2331
Bourdieu, P. (1986). The Forms of Capital. In: Richardson, J. G. (Ed.), Handbook of Theory and Research for the Sociology of Education. Greenwood Press.
Pincus, A. L., & Lukowitsky, M. R. (2010). Pathological narcissism and narcissistic personality disorder. Annual Review of Clinical Psychology, Vol. 6, Pages 421–446. https://doi.org/10.1146/annurev.clinpsy.121208.131215