Tattoos schützen vor Hautkrebs

„Seht ihr? Tattoos schützen vor Hautkrebs!“

In den letzten Tagen kriechen vermehrt selbsternannte Tattoo-Heilpraktiker*innen in die eine oder andere Kommentarspalte und erklären anhand einer einzelnen Studie, Tattoos seien plötzlich ein Schutzschild gegen Melanome. Als Beleg dient der Fachartikel Tattooing and risk of melanoma: a population-based case-control study in Utah (Journal of the National Cancer Institute [JNCI], 2025). Was daraus teilweise gemacht wird, ist jedoch keine saubere wissenschaftliche Einordnung, sondern eine ziemlich kreative Fehlinterpretation, die auch noch so lange verbogen wird, bis sie ins eigene Narrativ passt.

Hier wird mit Odds Ratios herumgefuchtelt, ohne zu verstehen, was sie im Kontext dieser Studie überhaupt aussagen. Das Quotenverhältnis (Odds Ratio) beschreibt lediglich, wie stark sich die Chancen für ein Ereignis – etwa ein Melanom – zwischen zwei Gruppen unterscheiden. Aus einem statistischen Zusammenhang wird somit plötzlich ein „Schutzschild durch Tattoos“ gebastelt. Nur weil zwei Dinge gemeinsam auftreten, heißt das noch lange nicht, dass eines das andere verursacht. Die Studie zeigt keinen kausalen Effekt, sondern beobachtete Zusammenhänge unter bestimmten Bedingungen – mit allen typischen Schwächen solcher Studiendesigns. Wer daraus trotzdem eine Schutzwirkung ableitet, ignoriert nicht nur den Kontext, sondern grundlegende Prinzipien wissenschaftlicher Auswertung (Grimes & Schulz, 2002).

Was die Studie stattdessen aussagt: Die beobachteten Effekte lassen sich sehr plausibel durch Unterschiede im Verhalten erklären. Tätowierte Menschen achten häufiger auf ihre Haut, schützen ihre Tattoos konsequenter vor Sonne, nutzen eher Sonnencreme und haben andere UV-Expositionsmuster, ohne dass ein direkter biologischer Schutzeffekt durch „magische“ Tinte angenommen werden muss.

Kurzfassung für alle, die nur Überschriften lesen: Nicht die Tinte schützt dich vor Melanomen, sondern konsequenter UV-Schutz. Sonnencreme wäre da eine Option!

 


 

Quellen- und Literaturverzeichnis:

JNCI: Journal of the National Cancer Institute, Volume 117, Issue 12, December 2025, 2495–2504.
https://doi.org/10.1093/jnci/djaf235

Grimes, D. A., & Schulz, K. F. (2002). Bias and causal associations in observational research. The Lancet, 359(9302), 248–252.
https://doi.org/10.1016/S0140-6736(02)07451-2

Kluger, N. (2017). Cutaneous complications related to tattoos: 31 cases from Finland. Dermatology, 233(2–3), 100–109.
https://doi.org/10.1159/000477890

Schreiver, I., Hesse, B., Seim, C., Castillo-Michel, H., Villanova, J., Laux, P., & Luch, A. (2017). Synchrotron-based ν-XRF mapping and μ-FTIR microscopy enable to look into the fate and effects of tattoo pigments in human skin. Scientific Reports, 7, 11395.
https://doi.org/10.1038/s41598-017-11721-z